Sonntagsgedanken

Sonntagsgedanken: wie viel Messie steckt in Dir?

..oder: Ist physikalisches Eigentum ein Relikt aus der Steinzeit?..

Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, von Geld, was wir nicht haben um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.

Volker Pispers

Das soll mal ein Spruch zum Nachdenken sein – denn es steckt viel Wahrheit drin. Dieses Hamsterrad des Konsums, welches sich immer schneller und schneller dreht, solange wir dort drin stecken und das uns immer ins Ohr flüstert noch teurere und noch überflüssigere Dinge kaufen zu müssen, um mit den anderen Hamstern – oder nennen wir Sie richtigerweise Konsumgefangene – mithalten zu können, kann der Psyche eines Menschen auf Dauer nicht gut tun.

Seit einem halben Jahr habe ich wieder einen richtig gut bezahlten Job in der IT. Das erste was meinen Freunden einfiel dazu zu sagen, war: „dann kannst Du Dir ja endlich wieder ein Auto kaufen“. Ja, das könnte ich sicher, meine Bank würde mir sofort 24.000 € leihen – zu blöd, dass ich keinen Bock habe auch nur einen einzigen Cent in eine Benzinschleuder zu stecken die 90% des Tages auf einem Parkplatz steht und jede Minute Geld kostet. Durch die Äußerung kein Auto haben zu wollen, gelte ich bei einigen Freunden schon als Sonderling oder Eigenbrötler – nicht weit weg vom Almöhi aus Heidi. Ich oute mich sogar noch weiter: Ich trage ein preiswertes T-Shirt, designt von Angelo Litrico, aus dem Proletenklamottentempel C&A, statt ein überteuertes Camp David-Shirt aus der Nobel-Boutique! Huuh, jetzt muss ich mit weiteren Konsumverweigerungsbekenntnissen vorsichtig sein – denn damit bin ich gesellschaftlich nicht mehr weit davon entfernt bei Facebook entfreundet zu werden.

Du hast auch nicht mehrere Autos in deiner Garage? Was? Du hast keine Autos? Nicht mal eine Garage? Ja, sorry – aber bei solch beängstigenden wirtschaftlichen Verhältnissen darfst Du dich nicht wundern, wenn Du auf Partys bei den ganzen hippen Leuten so gefragt bist wie Knoblauchbutter auf einem Vampir-Kongress und Du deine Samstagsabende überwiegend mit deinen aufblasbaren „Freundinnen“ verbringen musst..

Partygirls 3

(Die Mädels auf deiner Party müssen von Dir selber aufgeblasen werden, damit überhaupt eine sexy Zuckerschnecke  auf deiner Party angebaggert werden kann? Tja, das Problem  könnte an deinem miesem sozialen Status liegen. Aber etwas Gutes hat es auch. DIESE Mädels musst Du nicht lange vollquatschen, um Sie rum zu kriegen. Droh Ihnen einfach damit den Stöpsel rauszuziehen, wenn Sie rumzicken..)

Erkennst Du dich wieder? Nein? Sei froh – Du gehörst also scheinbar zu den „gut betuchten“ (wenn ich mal diesen etwas angestaubten Begriff benutzen darf) Menschen dieses Konsumsystems.

Doch dieses Intro leitet gut zur Überschrift und dem Thema über das ich heute “sinnieren” möchte über: Vor einiger Zeit sah ich mal eine der üblichen TV-Pseudo-Reality-Magazine. Es ging darum einen Messie aus seinem Müll zu befreien und Ihn wieder ‚auf Spur zu bringen‘, wie ein “normaler” Mensch zu denken.

Das machte mich nicht nur etwas nachdenklich – sondern ließ mich sogar in höchstem Maße unruhig werden.

Nicht weil die Sendung wie immer beim privaten Prekariatsfernsehen üblich, zu theatralisch war. Es machte mich nachdenklich, weil ich langsam Angst bekam wegen zu vielen Dingen in meiner Wohnung (es wäre vermessen die in meiner Butze “gehorteten” Dinge Reichtum nennen zu wollen) selber ein Messie zu sein. Natürlich noch weit davon entfernt wie in der Fernseh-Sendung gezeigt – also mehr so ein ‚Messie in Ausbildung‘. Wie auch immer – der Beitrag hatte etwas Adrenalin in die Adern gepumpt und mich aufgerüttelt: Diese Frage musste augenblicklich untersucht werden und eine eindeutige Antwort her.

Also mal kurz den PC angeworfen und im Internet kurz den Begriff Messie recherchiert. Das dauerte gar nicht lang. Die Definition eines Messie (nicht zu verwechseln mit Lionel Messi, dem Fußballer) war also lt. Wikipedia wie folgt:

Das Messie-Syndrom ist eine psychische Wertbeimessungsstörung, das heißt Betroffene schätzen Wert und Nutzen verschiedener Dinge anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das kann sich auf unterschiedlichste Dinge beziehen: Zeitungen und Bücher, Lebensmittel, Werkzeuge, Verpackungsmaterial, Spielsachen, Ersatzteile, Kleidung usw. Die betreffenden Gegenstände werden entweder beschafft, sofern sich eine Gelegenheit ergibt, oder einfach behalten, statt sie zu entsorgen. Einige Messies sammeln nur eine bestimmte Art von Dingen, andere sammeln alles und werfen überhaupt nichts weg, da sie sich nicht davon trennen können.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Verwahrlosung und Vermüllung, Schwierigkeiten im sozialen Umgang oder anderen Problemen. Allerdings ist keines dieser Symptome charakteristisch für das Messie-Syndrom. Viele Messies führen nach außen ein völlig normales bürgerliches Leben.

So weit – so gut, das hatte ich also verstanden..

Ich warf einen Blick auf meinen Wohnzimmerschrank, dessen Deckenkranz mir plötzlich sehr besorgniserregend ins Auge sprang..

Knapp 3 Meter Audio-CDs (es können so knapp 300 Stück sein, aber auch mehr) stehen dort nach Albuminterpret sortiert – zum Teil auch seltene Stücke (nach denen ich lange gesucht habe um damit die vorhandenen Vinyl-Platten zu ersetzen), die nicht mehr neu veröffentlicht werden, weil die Auflage zu klein sein würde. Ich höre zwar tagsüber die ganze Zeit Musik (erlaubterweise sogar im Büro)– die alten CDs lege ich aber nicht jeden Tag in den ebenfalls betagten DENON CD-Player um sie zu hören.

Ich finde, manche Musik ist einfach nicht zum schnellen konsumieren gemacht. Dafür gibt’s ja die Top 100 Charts. Zum Teil sind mit den CDs darüber hinaus einzigartige Kindheits-und Jugenderinnerungen verbunden. Zum Beispiel das YES-Konzert Anfang der 70er mit der ganzen Bande Jugendlicher hier aus der Siedlung in der Westfalenhalle welches mich mit einer noch nie gesehenen Farb- und Lichtershow schier sprachlos machte.

Oder das Konzeptalbum “The Lamb lies down on Broadway” von GENESIS – welches mich an die Zeit in meiner Jugend erinnert als wir als 15jährige Mofa-Rocker zu Viert auf einen Camping-Platz ins Sauerland “cruisten” und dort von früh bis spät nur das Album “Foxtrot” von eben dieser Gruppe Genesis hörten, lauthals mitgrölten ungefähr 20 Batterien in dem mitgebrachtem Grundig Radiorecorder durchjagten und von den anderen Zeltplatzbewohnern aufgrund unserer schlechten aber dafür umso lauteren Gesangsbemühungen fast verprügelt wurden.

Aber vielleicht sind das ja auch nur einige der üblichen Messie-Ausreden, wenn man sich einfach nicht von Dingen trennen möchte, die einem etwas bedeuten..

seltene Audio-CDs

(Audiophile Kostbarkeiten aus meiner Jugend, mit denen zauberhafte Erinnerungen verknüpft sind. Auch wenn ich Sie nicht jeden Tag im CD Player habe – bin ich ein Messie wenn ich Sie nicht wegschmeiße – oder werden wir von den Medien dahingehend manipuliert, dass Dinge, die ich nicht täglich nutze aus mir einen Messie machen? Mit anderen Worten: alles was Du nicht am Körper trägst ist entbehrlich..)

Schaue ich mir an, was ich in letzter Zeit für Musik gehört habe und ob diese allenfalls Massenware zu nennenden Soundschnipsel irgend etwas in mir auslösen, dann muss ich sagen – Nein! Kein Akkord  von der in den letzten Jahren konsumierter Musik bringt in mir irgend etwas zum schwingen. Giotto-BeautyHöre ich mir an, was andere Menschen sagen, dann hat auch kaum jemand von denen noch Audio-CDs zu Hause. “Nöö, was soll ich damit?”, “Ach, Musik lade ich bei iTunes – wenn’s mir nicht mehr gefällt, schmeiß ich’s wieder runter” – so  ungefähr ist momentan der Umgang mit dem Kulturgut Musik.

Im Store angeklickt und schon wird die MP3 Datei heruntergeladen. Dass ein verlustbehaftetes Komprimierverfahren wie MP3, Audio-Daten weglässt, und deshalb für Pop-Musik zwar gut geeignet ist, für audiophile Genießer von Klassischer Musik aber nicht, ist eine andere Sache.

Dazu kommt, dass die Künstler, die Musik machen immer schlechter werden. Momentan ist in Deutschland eine Cover-Version von dem großartigen Disco-Hit ‘Ain’t Nobody’ von Chaka Khan auf Platz 1. Dieses Lied kommt nicht ansatzweise an das Original heran. Ein hübsches junges Ding, aber ein dünnes Stimmchen, das am Mischpult hochgezogen wurde, einige Akkorde schief, der Text nur genuschelt. Klar, das Video ist was fürs Auge – aber das ist die Ferrero Giotto Werbung mit der scharfen Italienerin Elisabetta Canalis auch..

Wer mal das Original zum Vergleich hören möchte – unten gibt’s den Link.

Vom Wohnzimmerschrank schweifte mein Blick beunruhigt zu einem Hochregal an der anderen Wand. Von oben bis unten ist das Regal vollgepfropft mit DVDs – und nicht einbezogen sind da die 7 Umzugskartons die noch im Keller auf Durchsicht warten – mit bisher noch nicht angeschauten oder zumindest sortierten DVDs, die mir ein Freund vererbt hat. Alte Serien aus meiner Jugend  stehen anschaubereit da – einige habe ich extra bei einem großen Versandhandel erworben, weil ich mich an die alten Serien noch erinnerte und Sie als Kind gut fand – was ich von vielen aktuellen Serien wirklich nicht behaupten kann! Und dass es Leute gibt, die bereit sind sich die RTL-Hirnerweichungsshow “Bauer sucht Frau” auf DVD zu kaufen, um sich noch mal anzuschauen, was jeder vernunftbegabte und sich nicht fremdschämen wollende Erdenbewohner sofort wegzappen würde, macht mir nebenbei gesagt ein bisschen Angst und lässt mich daran zweifeln, dass wir die Spitze der Evolution sein sollen.

Doch wie gesagt kaufen und schauen ist zweierlei. Ungefähr ein Drittel der DVDs habe ich gesehen – zwar immer den Vorsatz gehabt, auch alle anderen zu schauen – doch der den kompletten Tag ausfüllende Job lässt mich Abends nicht mehr entspannen um mal in Ruhe eine DVD einzulegen. Soll ich deshalb die DVDs entsorgen – und das Hochregal dann sinnvollerweise am Besten gleich mit?

Mein virtueller Rundgang durch die Wohnung ging weiter. Ein weiteres Regal im Büro machte mir Sorgen. Der deutsche Playboy von 1979 bis 1995 steht dort nach Ausgaben gestapelt – bereit die Sammlung irgendwann mal an meinen Sohn weiter zu geben, damit der meine Langzeitanatomiestudien an Weibsvolk in meinem Sinne weiterführen kann. Tja – das blöde ist: ich habe keinen Sohn, denn dazu braucht man im allgemeinen eine Frau, aber und ich und das Frauenuniversum – nee, da gibt es irgendwie keine Kompatibilität für sowas wie eine langfristige Bindung. Naja, lassen wir das Thema..

MessistapelGenauso sieht es mit einem 2 Meter breitem und ebenso hohem Bücherregal aus. Etliche Bücher stehen dort dicht gedrängt. Sie sind auch etliche Jahre – sogar Jahrzehnte – alt. Von meinen verstorbenen Großeltern übernommen, die in der Büchergilde Gutenberg waren. Viele, viele Klassiker sind dabei. Einige habe ich gelesen – die meisten nicht. Letztes Jahr habe ich mal das komplette Regal leergeräumt, alle Bücher entstaubt und alles wieder eingeräumt. Natürlich würde das alles als ebook auf ein Smartphone, Rechner oder einen Kindle passen. Und wieder würde ein Möbelstück mangels Füllmaterial auf den Sperrmüll fliegen.  Und so geht es weiter – ein Geschirr für 10 Personen als Single? Da kann man doch mindestens 8 Gedecke zum nächsten Polterabend mitnehmen – falls wirklich mal eine der dort abgestaubten Brautjungfern als One Night Stand über Nacht bleibt, dann reicht ja das andere Gedeck absolut aus. Nur bei einem flotten Dreier gibt’s ein kleines Problem – aber falls der Fall tatsächlich mal eintreten sollte – dann verzichte ich großherzig auf das Frühstück und gebe das zweite Gedeck freiwillig dem anderen Hasenpups..

Wo wir grad im Schlafzimmer sind: werfen wir einen kleinen Blick in den Kleiderschrank. Und Du ahnst es sicher schon: Dutzende Hemden in allen Farben hängen auf den Bügeln und warten darauf mal wieder angezogen zu werden – wären Sie nicht zu einer Zeit gekauft wurden als sowohl mein Bauchumfang als das Körpergewicht noch im zweistelligen Bereich waren.

Aber Wegschmeißen? Das ist für mich keine Option – da versuche ich lieber abzunehmen, damit die Brocken wieder passen. Komisch – schaut man sich die Boss Parfümwerbung an, dann ist es durchaus üblich als Mann ungefähr 100 graue Anzüge (NA KLAR SIND DIE VON BOSS!) in einem begehbaren Kleiderschrank zu haben.  Vielleicht sollte der Typ in der Boss Werbung sich mal auf das Messie-Syndrom testen lassen..

Das Ganze macht mich jetzt noch unsicherer – bin ich jetzt ein Messie oder nicht?

Warum habe ich ein teures 7teiliges Topfset gekauft, wenn man doch im großen 5 Liter Topf alle Speisenzutaten reinschmeißen kann. Oder das 8teilige Messerset im Holzklotz, wo ich doch eigentlich nur das große Fleischmesser benutze? Warum kauft man ein Auto mit 4 Sitzen obwohl man zu 99% alleine fährt? Ist das Verschwendungssucht? Messietum? Oder gar der Anflug von Wahnsinn?

WP_20150616_15_42_57_ProEs scheint so, als würde der Mensch im digitalen Zeitalter Dinge nur noch durch mieten, leasen oder leihen für einen begrenzten Zeitraum besitzen. Eigentum ist ein Wort, welches immer unbekannter wird. Das liegt aber auch daran, dass viele Dinge kaum noch eine Wertigkeit haben, jedenfalls keine, die eine längere Zeit überdauert.  Heutige Musikgruppen haben eine Halbwertszeit von wenigen Jahren – aber nur wenn Sie gut sind. Retorten-Trällerfuzzies wie ein „DSDS“-Sieger singt bereits nach einem Jahr, während ‚Didda‘ schon wieder geifernd in der nächsten Staffel die Kandidaten mit Gemeinheiten zum Heulen bringt, zur Eröffnung eines Schützenfestes irgendwo im Nirgendwo.

Dadurch ist Kultur eigentlich wertlos – und was wertlos ist, hängt man sich nicht langfristig an die Backe. Vielleicht wird deshalb dieses Konsumgut bei Spotify, ITunes oder Amazon Prime geliehen – genauso wie es mit Videos seit längerem üblich ist?

Hört sich ja toll an, weil es ja so einfach ist, aber das einzige was man bekommt ist ein digitales Nichts, das man auf seinem Smartphone, Rechner oder TV abspielen kann.  Ich sehe darin eine riesige Gefahr, denn wir zahlen mittlerweile fortwährend für Dinge an denen wir zum einen kein Eigentum erwerben und die zum anderen weitestgehend überflüssig sind. Klar, der Musikdienst Spotify Premium kostet nur 10 € im Monat, im Jahr sind das 120 € – doch bei einem Dienst bleibt es ja in der Regel nicht. Netflix, Amazon Prime und der Kabelanschluß mit dem dazu gebuchtem Sportpaket – nicht zu vergessen die obligatorischen Gebühren für das öffentlich-rechtliche Programm . Nur 2-3 Abos und der halbe Tausender im Jahr ist verbrannt – so viel Geld gebe ich im Jahr bei weitem nicht für Audio CDs und Video-DVDs aus. Doch wenn ich sie kaufe habe ich Sie hier stehen, kann Sie anhören oder anschauen wann immer ich will und Sie repräsentieren – zwar keinen großen finanziellen, aber einen persönlichen oder ideellen Gegenwert.

Hipster_vs_ObdachloserDazu kommt dann noch der monatliche Beitrag im Fitnesstudio (welches man so gut wie nie aufsucht), die Handygebühr mit Internet-Flat, damit man auch jederzeit darüber informiert wird, wenn mal wieder ein neues Katzenbildchen gepostet wird oder man die Mail mit dem Cheap Viagra -Angebot schon Morgens auf dem Weg zur Arbeit bekommt – ist ja immens wichtig. Früher konnte man mit Telefonen, wie der Name vermuten lässt, nur telefonieren – und es ist auch keiner in Tränen ausgebrochen, wenn er damit nicht auch noch die täglich zurückgelegten Schritte erfassen konnte.

Schaut man sich an, was heute einen Menschen ausmacht, dann ist sein Hab und Gut auf mehrere Plastikkarten und mobile Endgeräte reduziert. Und das macht es einfach Ihn zu steuern, zu überwachen und sogar ihn aus der Gesellschaft zu kicken. Die für das tägliche Leben unabdingbaren Konto-  Kredit- und Krankenkassenkarten –  die falls es obere staatliche Stellen wollen, jeden im System eingebundenen Menschen mit einem Knopfdruck in die Zahlungsunfähigkeit und absolute Handlungsunfähigkeit bringen können – sind genau das geeignete Werkzeug dafür.  Was passiert, wenn auf einmal keine Abbuchung mehr erfolgt, weil das Konto eingefroren wurde – so etwas kann ja selbst durch ein dummes Versehen passieren. Wenn plötzlich das im Monatsabo laufende Softwarepaket, welches man zur Auftragsbearbeitung und damit zum bestreiten des Lebensunterhaltes benötigt, sich nicht mehr starten lässt, die emails nicht mehr abgerufen werden können weil der Telefon-Provider die Leitung wegen ausstehender Zahlungen gesperrt hat, die Bank keinen Zugriff aufs Konto mehr zulässt – dann ist der Arsch ab. Rien ne vas Plus – nichts geht mehr!

(das Pennergame. Ich weiß nicht wie Ihr darüber denkt, aber meiner Meinung nach geht es den Menschen, die dieses Spiel spielen, im Leben wohl zu gut – Viel zu gut..)

Und plötzlich ist es gar nicht mehr schwer vom Hipster zum Penner zu mutieren: Kleidungsmäßig gibt es (wie Ihr auf der kleinen Grafik weiter oben vergleichen könnt) kaum Unterschiede – nur dass der Hipster seine teuren mobilen Endgeräte in einem Jutesäckchen spazieren trägt – der Obdachlose seine gesammelten Pfandflaschen dagegen in einer Aldi-Tüte. Schön wenn man schon etwas Erfahrung als Penner sammeln konnte – dafür gibt es sogar ein Spiel – das „Pennergame“. Die Spielidee dahinter ist absolut krank – selbst die Stadt in der man als Penner spielen will ist wählbar (da kann man schon mal in seinem Heimatort trainieren), und die Menschen die das spielen haben für mich echt einen an der Waffel, aber 3 Millionen Spieler signalisieren wohl dass in den meisten von den Schwachköpfen der latente Wunsch steckt in einem Pappkarton zu hausen, sein Essen aus Mülltonnen zusammen zu klauben und das Fitnesslevel zu verbessern, indem man 30 Kilometer am Tag marschiert um Flaschen zu sammeln, die man gegen Bares eintauschen kann. Aus Erfahrung als zeitweilig Hartz IV Empfangender kann ich sagen, dass man schneller dort ist als man sich wünscht – Das herauskommen ist da viel schwieriger.

playmate JustineDie finale Frage ist: was bleibt von einem Menschen dessen Besitz sich weitestgehend durch Bits und Bytes definiert, wenn er stirbt? Bei normalen Menschen wird man in der Wohnung Dinge vorfinden, über die man sich ein Bild der Person machen kann. Die CDs und Bücher in den Schränken lassen Rückschlüsse über den Musikgeschmack und das Bildungsniveau zu. Bilder in Fotoalben oder an den Wänden über Freunde, Verwandte, Urlaubsziele.

Doch was ist bei einem Menschen, dessen Wohnungseinrichtung auf das nötigste reduziert ist, sein Besitz nur in digitaler Form vorhanden, das Handy mit Code gesperrt, der PC mit Passwort gesichert?  Wenn das vom Vermieter bestelle Räumkommando nicht stundenlang unnützen Krempel mehrere Etagen fluchend runter tragen muss, sondern nur einmal trocken durchfegen um die Wohnung wieder bezugsfertig übergeben zu können? Die Erben bei der Testamentseröffnung einen halbvollen Schuhkarton mit den verwertbaren Wertgegenständen in die Hand gedrückt bekommen?

Auf der Timeline bei Facebook wird nichts weiter veröffentlicht – seine engen Freunde werden es vielleicht nach ein paar Wochen mal merken – die anderen nicht. Ist er ein Blogger, dann wird sein Blog vielleicht noch ein Jahr online sein und dann wegen Nichtzahlung der Gebühren vom Provider vom Netz genommen. Und was ist dann? Hinterlässt dieser Mensch überhaupt Spuren oder eine Lücke bei anderen Menschen, wie seinen Verwandten oder Freunden, wenn er vom Bestatter aus der Wohnung getragen wird und seine Einrichtung “entsorgt” wird? Was wird man auf seiner wahrscheinlich anonymen Beerdigung sagen? Vielleicht: “hier betten wir Max Mustermann zur letzten Ruhe – er kam nackt und ohne Besitz zur Welt, und so verlässt er Sie auch wieder”..

Vielleicht ist ja sogar alles noch viel schlimmer und hinter solchen Sendungen der Medien steckt ein perfider Plan unserer Regierung? Siggi, Angie und Konsorten traue ich alles schlechte zu. Wird eventuell von „OBEN“ ja über solche Sendungen langsam eine Meinung in die ärmeren Teile der Bevölkerung injiziert, dass Wohlstand oder das sammeln von Dingen gleichzusetzen mit Messietum ist – quasi schon prophylaktisch für die Zeit wenn das Sozialsystem nicht mehr bezahlbar ist und das ALG2 abgeschafft wird – denn dass seit Jahren die Steuereinnahmen bei stetig sinkenden Gehältern immer weniger werden – auf der anderen Seite aber immer mehr Empfänger von Sozialleistungen darauf angewiesen sind entweder aufzustocken oder komplett unterstützt zu werden – man muss kein Professor sein, um zu prognostizieren, dass wir irgendwann Griechenland in die Pleite folgen. Vielleicht dauert es noch 10 Jahre – vielleicht sogar 20, aber der Tag wird kommen.

Ist es also demnächst gesellschaftsfähig, wenn man bei einem Umzug sein Hab und Gut in einen Einkaufswagen packen kann und man wie ein Obdachloser einen überladenen, wackelnden verrosteten Schrotkarren vor sich herschiebt? Ist Armut oder besser Besitzlosigkeit die neue Coolness? Dass es mit den modernen Arbeitszeitmodellen – die mehr persönliche Freiheit und auch mehr Freizeit bieten, aber auf der anderen Seite auch weniger in die Rentenkasse spülen – einfach ist, im Alter auf der Straße zu landen, sollte den Nutznießern (besser wäre wohl der Begriff Betroffenen) klar sein (dazu empfehle ich das Video von Volker Pispers oben im Header – ist zwar länger, lohnt sich aber anzuschauen).

Das hat mich jetzt alles auch ein bisschen nachdenklich gemacht – aber ich denke die süße Justine, ihres Zeichens Miss Oktober 1984 wird mich über diese nachdenkliche Phase hinwegbringen – jedenfalls die nächsten 5 Minuten. Ich bin dann mal auf’m Klo…

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Doctor Love

Peter (aka Doctor Love) hat schon mal das Attribut "bester Allround-Blogger" von einer bekannten Bloggerin verliehen bekommen - Inoffiziell versteht sich. Er ist in Netzwerken aktiv - schreibt aber hier über alle Themen, die grade aktuell sind (und dabei ist im kein Eisen zu heiß..)

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3 Geistesblitze

  1. Hallo Peter.
    Das ist ein guter lesenswerter und nachdenkenswerter Beitrag. Also für jemanden, der gerne liest und nachdenken mag.
    Im Grunde will ich dir nicht widersprechen, bestätigt es gewissermaßen meine eigenen Erfahrungen. Als ich mich vor Jahren „dezimiert“ habe, habe ich mich auf die – für mich – wichtigen Dinge konzentriert. Gut, dass die nicht erzählen können 😉 aber ich könnte 😉
    Heute vermisse ich nichts von dem, was ich „abgestoßen“ habe – im Gegenteil, das war eher eine Befreiung von unnötige Ballast. Und wenn heute was „Neues“ rein soll, dann muss was „Altes“ raus. Auch das zwingt mich zum Nachdenken, wie wichtig mir was ist. Und das ist gut so.
    Viele Grüße,
    wir telefonieren wieder, bis denne!

    1. Hi Sven,
      zuerst mal vielen Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast meine letzten Blogbeiträge zu durchforsten und auch Kommentare zu hinterlassen. Das ist ja leider die Ausnahme. Ich habe übrigens auch wieder die Blogroll eingeführt und auf dich verlinkz. Ich denke Quid pro Quo.. 😉
      Und Du triffst es natürlich auf den Punkt: WER GERN LIEST UND NACHDENKEN MAG. Selber lesen? Dann doch wohl lieber auf „Dr. Loves Leben und Wirken“ als Hörbuch-Ausgabe warten. Na, und Nachdenken? Nee, dazu möchte ich mich hier besser nicht äußern.. 😉
      Ja telefonieren ist gut. Am WE?

      Beste Grüße aus dem Pott

Geistesblitz da lassen..

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